Seite: [ 1 ] [ 2 ] [ 3 ] [ 4 ] [ 5 ] [ 6 ] [ 7 ] [ 8 ] [ 9 ] [ 10 ]

Hubert Winkels
VOR DEM GESETZ - ZUM LOB VON LIANE DIRKS
Rede anlässlich der Verleihung des Preises der LiteraTour Nord 2003

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich freue mich, heute Abend die Schriftstellerin Liane Dirks öffentlich loben zu dürfen. Es ist eine anspruchs- und ehrenvolle Aufgabe für einen Literaturkritiker, es ist eine weitreichende und persönlich verantwortungsvolle für einen Freund. Nur sind die beiden Dimensionen der Aufgabe in diesem Fall keineswegs so leicht von einander zu scheiden, wie es üblich ist, oder wie es nach Maßgabe einer strengen und puristischen Literaturauffassung geschehen sollte.

Nur um diese spezielle Komplikation von Literarischem und Persönlichem, von Text und Leben, von Fiktion und Biographie zu verdeutlichen, möchte ich zuerst einen signifikanten Charakterzug der langjährigen Bekannten, der Kollegin und schließlich Freundin Liane Dirks beschreiben. Und zwar ihre Strenge. Die ist nun gar nicht so ohne weiteres sichtbar. Liane Dirks hat ein wunderbares Lachen, das von Grund auf sympathetisch ist, sich aber zu einem ganz autonomen Affektausdruck weiterentwickeln kann. Es kann einen Tisch überschwemmen und einen Raum vollständig ausfüllen. Es kann herrschen wie eine Reihe von Ausrufezeichen, um sogleich wieder zurück zu kehren zum anderen, von dem es ausging oder dem es gelten soll. Es ist ein starkes Lachen, ein souveränes Lachen, ein Lachen ohne Unsicherheit. Das müssen Sie mir nun erst einmal einfach glauben.

Eine andere Beobachtung können Sie gleich selbst überprüfen. Liane Dirks ist eine hervorragende Vorleserin, zumal ihrer eigene Texte. Sie liest laut, klar und entschieden, ihre Intonation ist auch im professionellen Sinn des Wortes bühnenreif. Ich habe immer den Eindruck, dass der Artikulationsapparat selbst in freudige Erregung gerät, so vollständig und gezielt eingesetzt zu werden. Und die Texte unter dieser Stimme jubeln über die beherrschte Kraft, mit der sie zum ästhetischen Genuss gebeten werden. Was diese Vorlesestimme sich aber nie erlaubt, sind Sentimentalitäten und Gefühlsschwächen; emotionale Grauzonen hellt sie auf, Unsicherheiten werden zu disktinkten Fragen. Was immer die Botschaft des Textes ist, die Botschaft der Stimme ist Klarheit und Sicherheit, Souveränität. Ich nenne sie hier Strenge im Sinne der Mittel- und a fortiori Selbstbeherrschung.

Warum sind mir diese Beobachtungen so wichtig auf einem genuin literarischen Feld, einem Kontext von Texten, in einer notorischen literaturbetrieblichen Rückkoppelungssituation wie einer Laudatio?

Weiter >