„Ich freue mich über den Erfolg“, Liane Dirks im Gespräch mit Stefan Koldehoff über den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“, DLF, Kultur heute, 20.03.2013
Zum Gespräch mit Stefan Koldehoff

„Die Geschichte seines Lebens schreiben“, Liane Dirks im
Gespräch mit Anne Devillard, Natur & Heilen, 6/2007
www.natur-und-heilen.de

Liane Dirks, in: Marita Loosen: "Schulweggeschichten. Eine Spurensuche", Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2003.

Liane Dirks im Gespräch mit Astrid Harms-Linner, alpha-forum, BR alpha, der Bildungskanal des Bayrischen Fernsehens, Sendetag 28.02.2005, 20.05 Uhr, 55 Minuten

Denis Scheck im Gespräch mit Liane Dirks über ihren Roman "Narren des Glücks", ARD, Sonntag 12.09.2004

"Verirrung der Gefühle"
Interview mit der Schriftstellerin Liane Dirks
In: Einblick, Köln, Mai 2002.


Frau Dirks, Ihr neuer Roman "Vier Arten meinen Vater zu beerdigen", ist er im Wesentlichen biographisch?
Ja. Und ich habe natürlich unheimlich viel recherchiert, um diese Geschichte erzählen zu können, weil ich überhaupt keinen Kontakt mehr hatte; ich musste ja alles irgendwie herausfinden. Wie ist Günther Dirks denn eigentlich aufgewachsen? Natürlich weiß ich nicht, was er geträumt hat, als er zwölf war.
Günther Dirks ist Ihr Vater?
Er ist mein Vater. Ich habe gedacht, sein Leben ist so skurril: Wo er aufwächst, dieser Schönheitssalon, diese Sinnesreize, von denen er ständig umgeben ist; gleichzeitig ist er aber eine Bursche, der nicht berührt wird von der Mutter. Das Ganze eingebettet in eine Zeitgeschichte, die man so nie beschrieben sieht. Ich hatte zum Beispiel ganz viel Mühe, einfache Sachen herauszufinden, etwa wie die gegessen haben im Krieg, wer den Soldaten das Essen gebracht hat. Sie finden nur permanent Berichte, wie wir sie kennen, etwa von Guido Knopp, Hitlers Helfer et cetera. Aber dieser Alltag, was es eigentlich an Leben gab, das alles habe ich rausgesucht. Und dann hatte ich den Ansatz, seinen Namen zu belassen – andere Namen habe ich verändert, denn man kann natürlich herausfinden, wer da drum herum war, aber von den Betroffenen, die man vielleicht anklagen möchte – obwohl es ja keine Anklage ist –, lebt halt keiner mehr.
Haben Sie nie ein Pseudonym in Erwägung gezogen?
Es ist mit so viel Realität vorgetragen, dass es einfach absurd wäre, wenn ich ihn Meier genannt hätte. Außerdem ist es auch meine Auffassung von Literatur im Moment, dass wir immer mehr eine Verschiebung von Realität und Fiktion erleben. Michel Houellebecq nennt in seinem neuen Roman "Plattform" auch die wirklichen Namen der Tourismus-Firmen, die darin vorkommen und angeschuldigt werden. Ich war also der Überzeugung, mein "Held" soll benannt werden als der, der er war. Das ist ein Teilaspekt des Buches.
Eine Entblößung ist es ja auch, und ich denke, er wird entblößt auf eine Art, die ihn vielleicht irgendwie menschlich zugänglich macht – nicht, dass man ihn verstehen könnte, das kann man nicht verstehen, davon bin ich fest überzeugt. Aber er bekommt Facetten in seinem Leben, an denen man merkt: der ist auch nicht als Baby auf die Welt gekommen und hatte auf der Stirn ein Schild "Kinderschänder" kleben.
Aber es gab wohl Anzeichen, dass er sich nicht "normal" entwickeln konnte.
Er hat ja auch einen Bruder, der so ein richtiger Junge wird, und er ist dagegen so mädchenhaft, wird als Kind schon mit ins Bordell genommen, er lernt dieses ganze fragwürdige Milieu kennen, hat einen Vater, der trinkt, und nach außen wird der bürgerlich hanseatische Schein gewahrt, in einer Welt, die sich vermeintlich offen gibt, das hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Gegenwart. Ich war völlig verblüfft, diese 20er Jahre, wie ähnlich die unserer Zeit heute sind, die Freikörperkultur, lustige Details, die bis zum kussfesten Schminkstift reichen.
Als ihr Vater gestorben war, fordert Emily, die Schwester des Kindermädchens Ihres Vaters, sie auf: "Tell his story!" Welche Motivation hatten Sie außerdem, diese krasse Geschichte zu Papier zu bringen?
Ich hatte ja debütiert mit dem Buch "Die liebe Angst", in dem aus Kindersicht 1986 zum ersten Mal beschrieben wurde, was Missbrauch wirklich bedeutet, und da wurde ich immer aufgefordert, weiter zu schreiben, wozu ich überhaupt keine Lust hatte. Aber dann hat mich diese ganze Bewegung, haben mich diese Selbsthilfegruppen sehr berührt.
Das hat alles seine Berechtigung, aber schon bei der Frage, wie man eigentlich mit solch einem Schicksal fertig wird, stößt man schnell an Grenzen. Und die Antwort der Kinderfrau, diese vier Arten, die haben etwas Ritualhaftes, das ist nicht mehr Psychologie, das ist nicht mehr "verstehen", das ist nicht mehr "ach, du musst verzeihen, dann bist du frei". Ich glaube, dass das nie ganz hilft. Aber noch mal die völlige Aneignung dieser Person und dadurch die Überwindung. Da habe ich gedacht, ich möchte erzählen, dass man wirklich wegkommen kann von so etwas. Das ist dann wie ein Paket, das man wegstellen kann, dann steht er wirklich im Regal: Körperlich wird er noch mal angeguckt, beerdigt wird er, wird verbrannt, die Asche ausgekippt, und die Geschichte ist erzählt, und dann ist man frei! Ich glaube, dass es auch für unsere Gesellschaft wichtig ist, Rituale wieder zu finden, um etwas abschließen zu können: Das hat man jetzt gemacht, und dann muss man das eigene Leben leben.
Welche Reaktionen gab es auf das Buch?
Die witzigste Reaktion war kürzlich, als mich jemand unter einem Vorwand fragte, warum im Titel kein Komma sei, die zweite Frage war, warum ich dieses und jenes geschrieben hätte, aber dann kam die eigentliche Frage: ob es die Penisprothese tatsächlich gäbe und wo man die bekäme …
Ein Mann natürlich!
… Eine Frau! Ich habe ihr gesagt, sie soll zum Urologen gehen und sich dort erkundigen, falls sie das für ihren Mann haben möchte – ich war schon etwas erstaunt.
Bei Lesungen habe ich viele Gespräche. Ich hatte eine Lesung vor Schülern, und die hat gar nicht dieses Missbrauchsthema beschäftigt, sondern der Umgang mit dem Tod: Dass sie nicht mehr wissen, wie man beerdigen soll, dass man eine Leiche wäscht und einölt, all die Sachen haben die sehr lange diskutiert. Und dann kommen aber auch die Fragen von jungen Frauen, ob ich mich befreit fühle, ob ich meinen Vater doch noch hasse. Aber auch Fragen zur Geschichte: Ältere befragen mich zu Hamburg und wie das so war im Krieg, woher ich das weiß, wen ich gefragt habe – sehr unterschiedlich, sehr persönlich und sehr direkt.
Sie haben einen Teil Ihrer Kindheit auf Barbados verbracht – haben Sie noch Kontakte dorthin?
Nein. Aber ich wünsche mir, dass man sich auf Barbados über das Buch freut, denn es macht diese Insel noch mal sehr lebendig. – Jeder hat ja so einen Traum, mein Traum ist es, mal Ehrenbürgerin von Barbados zu werden und dort eine kleine Hütte zu haben.
Es ist einfach eine wahnsinnig schöne Insel, und zwar gar nicht, weil sie besonders exklusiv ist, es gibt bestimmt touristisch tollere Orte, aber es herrscht dort wirklich ein phantastisches Klima, das berührt einen richtig, es ist wirklich so sanft, wie ich schreibe. Außerdem gibt es auf Barbados kaum Armut, selbst im "Ghetto" hat man einen Vorgarten. Und die Frauen sind da alle ziemlich locker. Eine "Bajan" beispielsweise, eine Farbige, heiratet in der Regel erst, wenn die Kinder, die sowieso verschiedene Väter haben, groß sind. Dann dieses sanfte easy going, das ist nicht dieses vollgekiffte rastafari easy going, sondern es ist auch eher von den Frauen geprägt.
Wenn man in Hamburg aufgewachsen ist und auf Barbados gelebt hat, was verschlägt einen ins provinziell angehauchte Köln?
Die Liebe. – Aber da lüge ich ein bisschen, ich habe vorher in Düsseldorf gelebt und mich da nicht mehr wohl gefühlt und wollte weg.
Das drucken wir hier ab!
(lacht) Ich habe dort meine ersten Literaturpreise bekommen und fand es dann aber langweilig. – Ja, Köln ist provinziell, aber es ist auch das Rheinland. Es stimmt, dass Berlin spannend ist und die Kunstszene da im Kommen ist, aber es ist halt andererseits mitten in Deutschland. Und das Rheinland ist eine gewisse Öffnung; ich lebe gern hier, es ist so unangestrengt. Hier muss ich nicht immer gucken, ob ich in der richtigen Literaturszene bin, die ist so klein, in Berlin haben die damit viel mehr Stress.
Ihre aktuelle literarische Arbeit?
Gerade habe ich einen neuen Roman angefangen und recherchiere jetzt. Es ist ein ganz neues Thema, aber Inhalte verrate ich grundsätzlich nicht, die müssen geheim sein und in mir wachsen können, die sind in gewisser Weise heilig. Wenn ich die ausplappere, habe ich Angst, dass sie sich verflüchtigen. Ich halte sie lieber noch ein bisschen im Herzen.
Frau Dirks, vielen Dank für das Gespräch.