Bücher

Narren des Glücks

Es hatte lichterloh gebrannt, ein schnelles Feuer, das seinen Höhepunkt ungefähr zu dem Zeitpunkt hatte, als das Feuerwerk auf der Insel sich seinem Ende zuneigte.

Die Brissago-Inseln im Lago Maggiore, Silvester 1929: Auf diesem künstlichen Paradies versammelt der Großunternehmer Max Ulrich Bernheim eine Festgesellschaft, um unter dem Motto Die goldene Barke Abschied zu nehmen von einem Jahrzehnt des Überschwangs. Doch eine Kaltfront bricht über den See herein, als die ersten Gäste am Seeufer eintreffen. Sie werden argwöhnisch beobachtet von der verarmten russischen Baronin Antonietta de Saint Léger. Sie war es, die aus den Isole dei Conigli, den Karnickelinseln, ein Gartenparadies geschaffen hat, das man noch heute bewundern kann. Fehlspekulationen und aberwitzige Geschäfte ließen sie die Inseln an den Hamburger Kaufmann verlieren.
Auch der Halbbruder Bernheims, der Psychiater Konrad Nemeczi, hat sich mit einigen Patienten oberhalb des Sees einquartiert, um seine Therapie der offenen Tür fortzuführen. Seine Frau und die halbwüchsige Tochter setzen zur Insel über, während er sich zurückzieht, um einen Vortrag zu schreiben, mit dem er seinen Namen über die Fachwelt hinaus bekannt machen möchte. Plötzlicher Eisregen gefährdet das große Feuerwerk und hält Nemeczi im Haus fest. Mit dem Glockenschlag um Mitternacht vollzieht sich im Glanz der Feuerwerkskörper eine Tragödie.

Stimmen

Ein sehr aktueller Roman über eine Gesellschaft vor dem großen Knall. Mutige Kunst, ein tolles Buch.
Denis Scheck, Druckfrisch, ARD

Detailreich, farbig und voll suggestiver Sprachkraft.
Alexander U. Martens, focus

Die Geschichte hebt sich erfreulich von den Texten mancher deutscher Autoren ab, die oft nur ihr eigenes Leben literarisch verarbeiten. Sie ist flüssig erzählt, fantasievoll ausgeschmückt und erinnert ein wenig an die Untergangsszenarien eines Thomas Mann.
dpa

Auch der neue Roman besticht durch die Eleganz seiner Prosa.
Thomas Linden, Kölnische Rundschau

Mit feinem Gespür für die Balance zwischen historischen Fakten und künstlerischer Freiheit inszeniert Liane Dirks ein magisches Drama in dessen Mittelpunkt die Suche des Menschen nach Selbsterkenntnis steht und der Satz „Wir sind alle nur Sandkörner im Meer der Erscheinungen“ eine existenzielle Bedeutung erlangt.
Peter M. Hetzel, Schweizer Illustrierte

Narren des Glücks ist ein außergewöhnlicher Roman, der sein Geheimnis nicht preisgibt und lange nachklingt. Liane Dirks gelingt es, die Spannung bis zur letzten Zeile aufrecht zu erhalten.
Heide Soltau, NDR Buchtipp

Eine schöne, gespenstische Parabel hat Liane Dirks geschrieben. Eine traumtanzende Konstruktion, sorgsam arrangiert, sehr artifiziell, manchmal auch etwas angestrengt, künstlich und kunstvoll zugleich. Ein böses, faszinierendes Märchen, erzählt aus den Köpfen dreier eigensinniger Sinnsucher. Sie ziehen aus, das Fürchten zu verlernen und das Glück zu finden, und sie erkennen, dass ein Leben ohne Furcht und ohne Unglück kein wahres Leben sein kann.
Sylvia Schwab, HR, Mikado

Persönliches

Manche Bücher entwickeln ein unerwartetes Eigenleben. Ich habe das schon mit meinem ersten Roman „Die liebe Angst“ erlebt, ein Buch, das eine ganze Bewegung begleitet hat.
„Narren des Glücks“ hat eine andere Geschichte. Das sogenannte Hochfeuilleton hat – gelinde gesagt – dieses Buch überhaupt nicht gemocht. Zitate dieser Besprechungen finden Sie nicht auf meiner Website. Die Aggressivität dieser Artikel hat nicht nur mich schockiert und nachhaltig verwundert, sie hat auch die positiven Besprechungen, die Sie hier in kurzen Auszügen sehen, nahezu ausgehebelt.
Für ein Buch hat das fatale Folgen, nicht nur Lesungen bleiben aus, es verschwindet ganz einfach, und zwar noch schneller als gewohnt aus den Buchhandlungen.
So geschah es auch mit „Narren des Glücks“, es wirkte wie zerstört. Haarsträubend beliebig zusammengestellte Rumpfzitate aus dem Roman, das Urteil „gebürstetes Kunsthandwerk“ geschrieben zu haben, was auch immer das sein soll, und vor allem der Vorwurf, die Autorin habe sich zu weit vor gewagt und möge doch bitte keine philosophischen Erkenntnisse präsentieren, sondern artig an dem, was ihr zusteht, schreiben, der eigenen Familiengeschichte nämlich … Es schien, als hätten all diese schon nicht mehr als Kritiken zu bezeichnenden Pamphlete das Buch verstummen lassen.
Doch wie im Roman selbst fing das eigentliche Leben erst nach dem Untergang an. Die Nachtmeerfahrt, wie C.G. Jung es nennt, um die es ja in diesem Roman vorrangig geht, muss wohl erst abgeschlossen sein, bevor die Wirkung einsetzt.
Es war – wie der Held des Romans – ein Psychiater, der mich darauf hinwies, dass dieser Roman ungeheuer provoziert. Zu fragen, wer in einer Gesellschaft die eigentlichen Verrückten sind, die Kranken oder wir, geziemte sich anscheinend immer noch nicht.
Die Veranstaltung mit Prof. Frank Matakas, der übrigens wie der Romanheld der Meinung ist, dass die Basis für Heilung ganz simpel Liebe ist und menschliche Nähe, diese Veranstaltung auf dem Literaturfest LitCologne war als eine der allerersten ausverkauft. Die Frage nach Genie und Wahnsinn, nach den Grenzen von Krankheit und Gesundheit interessierte anscheinend doch. Ebenso verhielt es sich mit der Veranstaltung bei der Literatur in den Häusern in Köln, einer Initiative des Kunstsalon e.V., jenseits der strengen Ausrichtung am vom Literaturbetrieb Abgesegneten. Die Lesung vor den Mitarbeitern einer der weltweit größten Werbeagenturen, Tillmanns, Ogilvy & Mather, gestaltete sich ebenfalls für alle zu einem höchst inspirierenden Abend, und das bei Menschen, die doch am Zeitgeist ganz nah dran sein müssen, an dem, was ich angeblich verfehlt hatte. Das waren schöne, aber immer noch Tröstungen, dennoch, seitdem lebt das Buch, und es hat mir Begegnungen verschafft, für die ich für immer dankbar bin. Christina Kessler, Anne Devillard, Matthia Dornier, Nomi Baumgartl, Arnhild Köpcke, die Windhorse-Gruppe Wien, die sich für die Reintegration Geisteskranker einsetzt, die Aktion Lebensqualität e.V., München sind einige davon.
Zu merken, dass ein Buch nicht nur ankommt, sondern etwas bewirkt – und dass Kunst und Literatur genau dafür da sind, zu wirken, das glaube ich nach wie vor, und zwar auf einem Feld, auf dem nichts anderes so wie eben sie nur wirken kann – dies zu merken ist wundervoll. Fruchtbare Kontroversen schließt das durchaus ein.
Seit einiger Zeit zieht das Buch seine Kreise, ich bekomme immer wieder Post von Menschen, die aufgrund des Romans an den Lago Maggiore fahren, sie setzen sich in Ronco auf das Mäuerchen an der Kirche und denken über die verrückte Russin nach …
Ich danke den Lesern und allen, die den Roman weiterreichen.

Und manchmal passiert es dann, dass Personen und Ereignisse, die man vermeintlich erfunden hat, plötzlich ins Leben treten.
Schon auf der Fahrt nach Ascona hatte ich darüber nachgedacht, was wohl aus der jungen Geliebten des Inselbesitzers Max Emden geworden ist, deren Nacktfotos aus den 1920er-Jahren noch heute so manche Tourismusbroschüre Asconas und des Lago Maggiore zieren. Nach der Lesung in einer prächtigen Jugendstilvilla mit Blick auf den See und die Brissago Inseln trat eine zierliche, ältere Dame auf mich zu und bat mich für den nächsten Tag bei ihr zum Tee. Warum und wozu, das wolle sie nicht sagen. In einer bescheidenen Wohnung, über und über mit Büchern gefüllt, trank ich den folgenden Tag aus der mit Goldrand verzierten Teetasse Max Emdens. Ich saß der Freundin jener Geliebten vis-à-vis, in deren Leben ich versucht hatte, mich einzufühlen. Und dann bekam ich den Nachlass dieser Geliebten überreicht, es half nicht, dass ich mich wehrte. Sämtliche Fotoalben jener Frau, die als Würstchen bekannt wurde, weil sie angeblich so fröhlich wie ein Hanswurst war, sind in meinen Besitz übergegangen. Auf den Fotos, sagte die ältere Dame, sieht Würstchen allerdings nie fröhlich aus, immer schaut sie traurig drein. Wir tranken weiterhin Tee und später noch Wein, mir wurde die Lebensgeschichte der Renata Loup zuteil, so ihr wahrer Name, und ich fuhr mit zwei riesigen Kartons voller Fotoalben aus den 1920er- und 1930er-Jahren wieder nach Hause.
Eine Last, denn diese Geschichte wollte ich nicht auch noch schreiben. Doch die alte Dame hat mit Nachdruck darauf bestanden, und anderweitige Verwandte gab es nicht.
Ich hütete in der Folge den Schatz, studierte ihn gelegentlich, sah den lachenden Remarque in Badehose und all die vielen anderen Prominenten und entdeckte Würstchens genialen Witz in ihren Bildunterschriften.
Und dann kam die E-Mail aus Chile. Juan Carlos Emden, der Enkel von Max Emden, meldete sich. Ob ich ihm helfen könne, die von den Nazis konfiszierten Kunstschätze der Familie wiederzufinden, er habe erfahren, dass ich Fotos besitze, diese könnten als Beweismaterial dienen.
Es folgte die E-Mail der Regisseurin Eva Geberding, sie arbeite an einem Dokumentarfilm über den Fall Max Emden, ob ich weiterhelfen könne.
Und dann kam es zur Begegnung: In einem Hamburger Szene-Café konnte ich Juan Carlos Emden in Anwesenheit seiner Enkelin Maeva Fotos seiner Familie übergeben, die er noch nie gesehen hatte. Juan Carlos ist auf der Insel gezeugt worden, sein Vater hatte vor den Nazis fliehen müssen, die Schweiz hatte ihm keine Unterstützung geboten. Und Juan Carlos Emden geht es um Gerechtigkeit. Er habe ein gutes, ein glückliches Leben, sagte er mir, aber etwas lasse ihm keine Ruhe und dieses „etwas“ ist mehr und anderes als nur Gerechtigkeit.

Welch eigenartige Wendungen hatte meine Geschichte inzwischen genommen –

Als Juan Carlos das erste Fotoalbum aufschlug, musste er weinen. Ich ebenso. Es war ein tief berührender Moment, und im Café wurde es sehr still.
Manchmal wissen wir nicht, warum wir Geschichten erzählen. In diesem Fall ging es um Heilung. Wie so oft. Geschichten können heilen, auf geheimnisvolle Art und Weise werden Wahrheiten ans Licht gehoben, mir scheint, rückblickend, als hätte ich „Narren des Glücks“ für diesen Moment geschrieben. Ein kleiner Beitrag zu einem großen Thema.
Den Dokumentarfilm über den Fall Max Emden kann man demnächst im Kino und auf Arte sehen.