Gedichte

Glück

Als ich 48 war, hatte ich plötzlich diese bestürzende Wendung
des Glücks.
Sie kam beiläufig, abends bei einem Regen. Der sich kurz vor der Nacht verzog und den Himmel metallen blau zurückließ. In der Farbe des Wissens um Dunkelheit.
Ein ärgerlicher Techno-Sound aus der Nachbarschaft und in der Küche der Geruch von Knoblauch. Auf dem Teppich stöhnte der Hund kurz und ein paar Vögel waren zu hören.
Es war ein heftiges Glück, das sich einfraß, tief in meinen Körper, in jede Faser, in jeden Nervenstrang. Die andere Seite der Trauer.
Und plötzlich löste sich etwas auf in mir. Etwas verschwand. Von mir. Ich war nicht mehr wichtig.
Anstatt meiner war das Glück nun da.
Es hat mir somit sein größtes Geheimnis offenbart. Das Glück hat mit unserem Ich gar nichts zu tun.
Es tritt erst wirklich ein, wenn es uns ersetzt.
Das Glück ist ein großer Auslöscher.
Ich hab dann noch ein paar Vögeln zugehört und etwas Wein getrunken. Die tote Akazie stach skurril vom Himmel ab. Zuletzt war es noch eine Amsel, die sang.
Das Glück ist ein großer Auslöscher.
Vielleicht haften wir deshalb so an unserem privaten Elend. Wir Individualisten, wir Egomanen, wir, wir Ichs.
Ich beschloss den Hund auszuführen und bald zu Bett zu gehen mit irgendeinem Buch von einem jener Amerikaner, die alles so gern ausmalen, und so gern erzählen, so opulent.
Das Glück war immer noch da.
Auch am nächsten Morgen noch.
Was mache ich, wenn es bleibt?